Sternenreflexion | Gebet als staunende Ehrfurcht

Tobias • 17 Februar 2020
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Bibeltext: Psalm 8

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, auf der Gittit. 2 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen, der du zeigst deine Hoheit am Himmel! 3 Aus dem Munde der jungen Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk dir zugerichtet deinen Gegnern zum Trotz, um Feinde und Widersacher verstummen zu machen. 4 Wenn ich sehe die Himmel, deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die du bereitet hast: 5 was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst? 6 Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott, mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt. 7 Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, alles hast du unter seine Füße getan: 8 Schafe und Rinder allzumal, dazu auch die wilden Tiere, 9 die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und alles, was die Meere durchzieht. 10 HERR, unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Predigt:

1) Was weckt staunende Ehrfurcht in mir?

Gebetsenergie und Anbetung in unserem Inneren freizulegen ist wertvoll, weil sie uns hilft unser Leben aus einer Jesus-Perspektive zu sehen. Und es auch so zu leben. Eine bewusste staunende Wahrnehmung der Schöpfung vermittelt uns außerdem Energie die ökologischen Herausforderungen positiv und nicht nur angstbesetzt anzugehen. Ob inspiriert durch Gesang und Musik oder im Schweigen oder mit Worten: Es geht darum die Perspektive wach zu halten, dass das Leben - unser Leben - gut ist, dass ich geliebt bin und hoffnungsvoll nach vorne gucken kann. Denn es gibt eine Quelle des Lebens und des Guten - eine Lenkungsenergie zum Guten hin, die permanent aktiv ist (vgl. der Refrain in V.2 und V.10). Oder anders gesagt: Gott ist Gott, ich bin es nicht, und er zieht als guter Gott die Fäden. Darüber kann man ins Staunen geraten. Sei es bei der Beobachtung von Tieren, Naturvorgängen oder im Gesichtsausdruck eines kleinen Kindes, bei dessen Anblick Übeltäter ihre Waffen niederlegen, weil die Spiegelneuronen aktiviert wurden (V.3).

Es ist gut die Wirklichkeit rational und mit Hilfe der Wissenschaft zu betrachten. Ebenso legitim ist es den Anblick eines Sternenhimmels wie Timon im "König der Löwen" mit etwas uns Vertrautem zu bezeichnen, indem er sagt: "Das sind Glühwürmchen, die in diesem blauschwarzen Ding feststecken". So kommunizieren wir. Die Gefahr ist nur, dass wir das Staunen verpassen.

Und dabei wollen uns die Schöpfungsgeschichten, auch Psalm 8, helfen. Es sind keine naturwissenschaftlichen Berichte, wie sowohl christlich fundamentalistische als auch atheistische Menschen sie gerne fälschlich lesen. Vielmehr handelt es sich um Hymnen, um Loblieder der Anbetung. Durch sie lernen wir den Schöpfer zu ehren, durch ihren Gesang die Tiefe der Schöpfung zu fühlen und in staunender Ehrfurcht anzubeten.

2) Wie sieht mein Menschenbild aus?

"Was ist der Mensch?" fragt der Psalm. Viel in unserer Spiritualität als Gemeinde und einzelne hängt davon ab, wie wir uns selbst sehen und wie wir uns in unserer Beziehung mit Gott sehen.

In diesem Gebet wird inhaltlich eine eindeutig positive Sicht vom Menschsein vertreten und besungen. Menschliche Wesen sind bedeutsam. Gott hat uns gut geschaffen. Gott mag uns. Wir sind wertvoll, ja sogar wichtig - und zwar als die, die wir sind. Gott hat uns menschliche Wesen mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt (v.5). Unsere Selbsterkenntnis und unser Zutrauen zu uns selbst hat offenbar unmittelbar mit Anbetung Gottes und mit unserer Reise mit ihm zu tun. Je besser wir uns selbst kennen, je tiefer wir nach Innen sehen, desto besser werden wir auch andere kennen lernen und desto klarer sehen wir Gott in seiner Herrlichkeit. Statt anzunehmen, die Oberfläche des Menschen sei gut und in der Tiefe seines Seins sei er abgründig und verdorben, dürfen wir umgekehrt davon ausgehen und mit uns und anderen dementsprechend umgehen, dass wir an der Oberfläche manchmal destruktiv handeln, in unserer Tiefenschicht des Bewusstseins jedoch gut und strahlend sind.

Doch ist es nicht gefährlich, einem solchen Menschenbild anzuhängen? Fördert dies nicht Egozentrik und Narzissmus? Nein. Denn Stolz und Narzissmus entstammen eher unserer Unsicherheit und Angst denn unserer gesunden positiven Selbstidentität.

Gerade das Selbstbild vieler ChristInnen war / ist jedoch: "Etwas ist grundlegend verkehrt mit mir. Mein Selbst ist nicht so sehr eine gute Schöpfung Gottes, sondern verdorben, verderbt." Siehe Augustinus (5. Jhd.) und Calvin (16. Jhd.), die die sogenannte Erbsündenlehre sehr massiv durchdachten und verbreiteten. Demnach fänden Menschen Anbetung und eine gesunde Spiritualität nicht in einer tieferen Selbst-Bewusstheit, sondern vielmehr in einer Selbst-Verleugnung bis hin zur Selbst-Ausradierung.

Wenn wir uns dagegen mehr so sehen wie der Psalm es tut und uns gegenseitig in unserer Menschlichkeit bestärken als die, die wir sind. Dann öffnen wir uns natürlicherweise eher in einer Gemeinschaft. Wir verbinden uns leichter mit anderen und öffnen uns in der Anbetung Gottes. 

 

Fragen:

  • Wodurch wird in mir staunende Ehrfurcht geweckt? Beim Beobachten eines Tiers? Durch den Sternenhimmel, eine wissenschaftliche Erkenntnis oder eines Kunstwerks? Oder durch eine Kathedrale, das Meer oder in den Bergen?

  • Eine gesunde Spiritualität, Gebet und Anbetung, hängen mit unserem Menschenbild zusammen. Welches Menschenbild lebt vorrangig in meinem Inneren?
  • Kann ich die Hochschätzung und sehr positive Sicht des Menschen in Psalm 8 nachvollziehen, nachbeten? Kann ich nachvollziehen, dass Menschen in ihrem tiefsten Inneren nicht verdorben, sondern gut geschaffen sind und leuchten? Dass Verirrungen und destruktive Verhaltensweisen sich eher an der Oberfläche unseres Seins abspielen?
  • Welche Rolle würde diese theologische Verschiebung dabei spielen, wie du dir selbst und anderen begegnest?

 

Hintergrundbild: Photo by Michał Mancewicz on Unsplash