#12 Verzeitlichung des Raumes

Die Sehnsucht nach mehr Erleben öffnet die säkular-postmoderne Kultur immer mehr für buddhistischen Ansichten. Mir scheint es aber noch interessanter zu sein, das althebräische Wirklichkeitsverständnis für die heutige Zeit fruchtbar zu machen. Die Kategorie der “Zeit” ist dabei keine Bedrohung für die Kirche und ihr Wahrheitsverständnis. Im Gegenteil: Diese Impulse verweisen uns auf den personalen und beziehungsorientierten Charakter von Wahrheit. Vom jüdischen Volk können wir lernen, wie es möglich ist, eine kollektive Identität im “Fluss der Zeit” zu bewahren und zu modulieren.

#11 Exkurs: Zen-Buddhismus

Manchmal braucht es die Gegenprobe, um auf eigene Denkfallen aufmerksam zu werden. Die zen-buddhistischen Ansichten stellen massive Anfragen an das westliche Substanz-, Subjekt- und das linear-kausale Zeitverständnis dar. Möglicherweise wurden unsere Vorstellungen von einer “stabilen Kirche” und einem “zielgerichteten Weg in eine transzendente Parallelwelt” mehr von römisch-griechischer Philosophie geprägt, als von den hebräischen Grundlagen? All das kann helfen, ein klareres Profil des christlichen Verständnisses zu bekommen.

#10 Am Ziel und dennoch unterwegs

Der christliche Glaube birgt die Gefahr eines theologischen Konstruktionsfehlers: Wenn das vergangene Christusereignis mit Kreuz und Auferstehung als neuer Urmythos gedeutet wird, nimmt das Verhängnis seinen Lauf. Und es steigert sich noch, wenn aus der Auferstehung ein triumphales Selbstverständnis abgeleitet wird. Besser ist es, das Christusereignis als permanente Unterbrechung des religiösen Kreislaufs zu verstehen. Dann eröffnet sich neu die Weggestalt des Glaubens und die christliche Geschichte friert nicht mehr ein. Fünf Wegtypen bleiben trotz der bereits vollbrachten Erlösung am Kreuz weiterhin relevant.

#09 Der eingefrorene Weg

Es ist irritierend: Auf der einen Seite finden wir in der Bibel viele Weggeschichten und die Betonung darauf, Jesus Christus nachzufolgen. Auf der anderen Seite wurden im Verlauf der Kirchengeschichte eine Fülle von monumentalen Sakralbauten errichtet, die alles andere als flüchtig und fluide sind. Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Am ehesten leuchtet es ein, wenn wir die kirchliche Stabilität aus dem “bereits mit Christus am Ziel”-Sein ableiten. Gottesdienstliche Versammlungen hatten den Zweck, das Himmlische gegenwärtig zu machen. Schwierig wird es aber immer dann, wenn diese Praxis aus der alten Schöpfung und dem alttestamentlichen Tempelbau hergeleitet wird. Und die Frage bleibt: Welche Theologie braucht es, damit eine christliche Gemeinschaft “auf dem Weg” bleibt?

#08 Zwei Arten von Unterwegssein

Es gibt zwei grundverschiedene Arten des Unterwegsseins. Die erste geht von einem festen Standort aus. Bewegung ist dann etwas Sekundäres. Die zweite geht von der beständigen Bewegung aus. Anhalten ist dann eine Unterbrechung des Weges. Die erste ist das Muster der Wallfahrt, die zweite das des Pilgerns. Bis in heutige Zeit hinein lassen sich daran Grundverständnisse von “Kirche” unterscheiden. Sind Gottesdienste Ausdruck der ewigen Heimat oder fungieren sie eher als Raststätten auf dem irdischen Pilgerweg?

#07 Völkerwanderung und Klostergründungen

Ein kurzer Abstecher in die Kirchengeschichte: Ab dem 4. Jahrhundert brach das Römische Reich schrittweise zusammen. Gleichzeitig erstarkte die christliche Kirche und füllte das Machtvakuum aus. Inmitten groß angelegter Wanderungsbewegungen quer durch Europa sorgte die Kirche für Ordnung und Sicherheit. Beginnend in Ägypten kam es Anfang des 6. Jahrhunderts auch in Europa zu ersten Klostergründungen. Benedikt von Nursia betonte in seiner Orgensregel, dass es wichtig sei, nicht ziellos umherzuschweifen, sondern sich einer festen Gemeinschaft anzuschließen.

#06 Glaube hat eine Weggestalt

Eigentlich müsste es offensichtlich sein: Der christliche Glaube hat eine Weggestalt. Alles Wesentliche ereignet sich auf dem Weg. Die großen Leitbilder sind: Abraham, Auszug aus Ägypten, Gott im Exil. Jesus lehrt im Umhergehen. Viele seiner Begegnungen geschehen unterwegs. Berühmt ist die Geschichte von den Emmaus-Jüngern. Der Begriff für einen Weg-Glauben ist “Nachfolge”. Woran liegt es, dass Kirche (fast) immer den Drang hat, sesshaft zu werden? Woran liegt es, dass die Entwicklung in Richtung “Fluide Kirche” als bedrohlich empfunden wird?

#05 Die Aufgabenstellung präzisieren

Auch wenn die Entwicklung in Richtung “Fluide Kirche” sinnvoll und wichtig ist, beinhaltet sie nicht automatisch eine Verbesserung. Anhand von Hannah Arendt und ihrer Dreiteilung der menschlichen Tätigkeiten in (1) arbeiten, (2) herstellen und (3) handeln wird versucht, fluide Dynamiken einzuordnen. Ergänzend dazu helfen die zwei grundlegenden Arten von Weltbeziehungen nach Martin Buber: Ich-Es und Ich-Du. Fluide Kirche in ihrer besten Form verfolgt den Traum von Kirche als “Haus in der Zeit”, als öffentlichen “Raum der Freiheit”, in dem wahrhaftige Ich-Du-Begegnungen ermöglicht werden.

#04 Gemeinschaft und Vergesellschaftung

Vor über 100 Jahren prägte Ferdinand Tönnies das Gegensatzpaar “Gemeinschaft und Gesellschaft”. Aus seiner Sicht driftet der soziale Wandel der Moderne weg von einer “Gemeinschaft der Geborgenheit” hin zu einer “Gesellschaft der Kälte”. Diese negative Wahrnehmung zieht sich auch durch christliche Milieus, sofern dort zyklisch der Verlust von Gemeinschaft beklagt wird. Wie wird auf die wachsende Sehnsucht nach Vergemeinschaftung reagiert? (1) Als rückwärtsgewandte Utopie. (2) Als situative Event-Vergemeinschaftung. Beides aber bleibt weit hinter der neutestamentlichen Vision zurück.

#03 Multioption und der Zwang zur Häresie

Vor fast 20 Jahren schrieb der Soziologe Peter Gross “Die Multioptionsgesellschaft”. Darin beschrieb er die Steigerungslogik des “Immer mehr” in der Moderne. 15 Jahre zuvor sprach Peter L. Berger vom “Zwang zur Häresie”. Gemeint war, dass in heutiger Zeit die Abweichung zur Normalität geworden ist. Nichts ist mehr einfach wie ein Schicksal vorgegeben, alles muss gewählt werden. Das betrifft natürlich auch das religiöse Feld. Die Frage ist nicht mehr ob, sondern welche Art von Christ man sein möchte.