Viele Religionen – eine Welt | Leitlinien für ein friedliches Zusammenleben

Jens Stangenberg • 4 Februar 2018

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https://zellgemeinde-bremen.de/podcast/predigten/2018/02/04/viele-religionen-eine-welt-leitlinien-fuer-ein-friedliches-zusammenleben/

Inhalt

1.Tim.2,4.5 (Hfa): "Denn er <Gott> will, dass alle Menschen gerettet werden und seine Wahrheit erkennen. Es gibt nur einen einzigen Gott und nur einen Einzigen, der zwischen Gott und den Menschen vermittelt und Frieden schafft. Das ist der Mensch Jesus Christus."

Fünf Aussagen, über die man stolpern kann:

  1. Gott will etwas: das ist die Wurzel von Mission.
  2. Für alle Menschen: auch, wenn sie daran kein Interesse haben?
  3. Seine Wahrheit: Ist das nicht intolerant?
  4. Ein einziger Gott: Führt so eine Absolutheit zur Unterdrückung Andersgläubiger?
  5. Ein einziger Mittler, nämlich Jesus: Gibt es nicht viele Wege zum Göttlichen?

Rückblick: Europäische Geistesgeschichte

  • Seit der Reformation gab es vielfach Religionskriege. Deswegen wurde Religion aus dem öffentlichen Leben ins Private verdrängt. Religion galt bei vielen Intellektuellen als "Geschwür" oder als "Krankheit" im Gemeinwesen.
  • Mit der Aufklärung setzte sich das Bild durch, dass das wachsende Vernunftsbewusstsein das Religiös-Mytholgische verdrängen würde. "An Gott zu glauben" galt als rückständig und unaufgeklärt. Der christliche Glaube wurde lächerlich gemacht.

Aufgrund geschichtlicher Erfahrung setzte sich folgendes Bild durch: Religionen haben ein doppeltes Gesicht - friedfertig und gewalttätig.

Die Behauptung: Das muss nicht so sein.

Versuche (80er/ 90er-Jahre), um religiöse Konflikte zu vermeiden…

  • Die Suche nach dem Kern aller Religionen (konsensfähige Welt-Religion)
  • Die Behauptung, alle Religionen meinen im Grund dasselbe (religiöser Pluralismus)
  • Sich auf eine humanistische Ethik konzentrieren (z.B. Menschenrechte)
  • Religion als nur inneren Erleuchtungsweg verstehen (spirituelle Fortentwicklung des Einzelnen)

Erfolglos, weil…

  • Religionen sind so verschieden, dass sie sich nicht harmonisieren lassen.
  • Jede Weltreligion hat ihren eigenen Absolutheitsanspruch.
  • Religionen drängen in die Öffentlichkeit und wollen nicht nur „privat“ sein.

Daraus folgt…
Wir müssen lernen, mit religiöser Unterschiedlichkeit in einer Welt zu leben.

Worin sich Religionen (überwiegend) einig sind…

  • Religionen fördern die Vision von einem „gelingenden Leben“. 
  • Religionen verkündigen „zwei Welten“. Das Transzendente hat gegenüber dem Materiellen Vorrang.
  • Jedem Menschen ist der Kontakt zum „größeren Ganzen“ möglich.
  • Es gibt vielfältige religiöse Entartungen.

Worin sich Religionen unterscheiden…

  • Was ist ein „gelingendes Leben“?
  • Wie entsteht der Kontakt zu „Gott“?

Unterschiedliche Vorstellungen stehen miteinander im „Wettstreit“. Das ist an sich gut. Es muss nicht zwingend zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen.
ABER: Welche „Regeln des Zusammenlebens“ sind dabei zu beachten?

Drei große Anfragen/ Behauptungen…

  1. Starke religiöse Überzeugungen erzeugen intolerantes Verhalten.
  2. Ein absoluter Wahrheitsanspruch führt zu politisch totalitärem Denken.
  3. Sobald Religion in den öffentlichen Raum drängt, wird sie gewalttätig.
     

Zu 1) Starke religiöse Überzeugungen erzeugen intolerantes Verhalten? Stimmt das wirklich?

Fanatismus oder Goldene Regel?

Jesus: (Mt.7,12) "Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch! Das ist das Gesetz und die Propheten.“

Religionen betonen den Wert des einzelnen Menschen unabhängig von seinem Glauben.

„Liebe deinen Nächsten, er ist wie du.“ (nach Martin Buber)
Jesus lehrt sogar die Feindesliebe.
 

Zu 2) Ein absoluter Wahrheitsanspruch führt zu politisch totalitärem Denken? Stimmt das wirklich?

Angeblich: Der Ein-Gott-Glaube (Monotheismus) führt zu starken Hierarchien. 

Dagegen: 
Jesus (Mt.23,8-11): "Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemand euren Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater: der im Himmel. Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. Der Größte unter euch soll euer Diener sein."

Exkurs: Die Tradition der Nonkonformisten und entstehenden Freikirchen
Roger Williams (1603 - 1683)
1636: Gründung von Rhode Island (Nordamerika)

  • Vater des amerikanischen Baptismus
  • Trennung von Staat und Kirche
  • Glaubens- und Religionsfreiheit
  • Gewissensfreiheit
  • Pazifistische Gesinnung
  • Demokratische Staatsordnung

Buch: The Bloody Tenent of Persecution, for Cause of Conscience („Das blutige Prinzip der Verfolgung aufgrund des Gewissens“) (1644)

Jesus trennte im Unterschied zum mosaischen Gesetz zwischen dem politischen und dem religiösen Bereich.
 

Zu 3) Sobald Religion in den öffentlichen Raum drängt, wird sie gewalttätig? Stimmt das wirklich?

Zwei Wege, die zu Gewalt führen:

  • Religion wird nur für die Identität der eigenen Gruppe verwendet
  • Religion wird vom Staat erzwungen oder legitimiert den Staat.

Aber: Religion ist universal und kulturell vielfältig. Deswegen: gegen religiöse Gruppenidentität und politische Religion

Stattdessen: Religion als Kraft zur Versöhnung | Jesus: Friedensbotschaft

Das heißt…

  1. Zu starken und gesunden religiösen Überzeugen gehört die Toleranz und der Respekt gegenüber Andersgläubigen.
  2. Der Glaube an eine „absolute Wahrheit“ lässt sich mit dem Einsatz für politische Pluralität verbinden, weil jeder in Freiheit und ohne Zwang glauben können soll.
  3. Sofern öffentliche Religion vermeidet, von einer Gruppenidentität oder einer Staatsmacht instrumentalisiert zu werden, fördert sie das Gedeihen des Gemeinwohls und wird zu einer Quelle für ein gelingendes Leben.

Buchtipp: Miroslav Volf, Zusammen wachsen - Globalisierung braucht Religion

Fragen für Zellgruppen

  1. Hast du schon mal erlebt, dass dein christlicher Glaube lächerlich gemacht wurde? Erzähle davon.
  2. Gibt es auch Erlebnisse, bei denen andere Menschen an deinem Glauben Interesse hatten? Erzähle auch davon.
  3. Was hindert dich, deinen Glauben an Jesus öffentlicher zu zeigen und zu leben? Bist du von der Tradition geprägt, dass Glaube Privatsache ist? Gibt es andere Gründe?
  4. Stelle dir eine Gesellschaft vor, in der es begrüßt wird und erwünscht ist, dass du zeigst, woran du glaubst. Wie würdest du in so einer positiven Atmosphäre deinen Glauben zeigen?
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